Eindrücke aus Uruguay

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Pressekonferenz Uruguay, Statement auf der ITB Berlin 10. März 2016 von Dr. H. Jürgen Kagelmann und Kornelia Doren. Es ist uns eine Freude, auf der Pressekonferenz von Uruguay auf der ITB einige Impressionen wiederzugeben, die auf eine Pressereise basieren, die wir Anfang Februar machen konnten. Eindrücke, die also noch ziemlich frisch sind. Herzlichen Dank an die Menschen und Institutionen, die unsere Reise außerordentlich unterstützt haben, so dass wir eine abwechslungsreiche Reise unternehmen konnten, die vor allem einen Effekt gehabt habt – Lust auf ein Wiederkommen.

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Uruguay ist ein kleines Land im Süden von Südamerika, über das relativ wenig berichtet wird, was sehr schade ist, weil es sich um ein kleines Juwel handelt, das viele Optionen bietet. Dinge, die viele Touristen heute suchen, ohne sie immer zu finden.

(1) Gerade vor dem Hintergrund der politischen Lage ist es wichtig, zuerst darauf hinzu­weisen, dass es sich bei Uruguay ein besonders ruhiges, besonders sicheres Land handelt, das kaum Anlass dazu bietet, die üblichen negativen Assoziationen an drogen- und kriminalitäts­beherrschten oder von politischen Unruhen dominierten Länder Lateinamerikas heran­zuziehen.

(2) Beginnen wir aber mit einigen ganz anderen Eindrücken. Das erste höchst Auffallende war das Fernsehprogramm: Sicher sind einige von Ihnen fußballbegeistert. Das ist aber nichts im Vergleich zu den Urugayos: Auf geschätzt 90 Fernsehkanälen läuft rund um die Uhr Fußball. Jedes aufgezeichnete Fußballspiel der letzten 90 Jahre wird hier irgendwann, meist mehrfach wiedergegeben, und die aktuellen Partien, besonders aus England, Argentinien und dem ei­ge­nen Land und die laufen sowieso in einer Endlosschleife.

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(3) Der nächste Eindruck: „El Carnaval“ – der Karneval. Er dauert hier, weshalb auch immer, mindestens drei Wochen länger als auf der üblichen Welt. Das Interessanteste sind dabei die Candombe-Umzüge, eine in den ersten Tagen des Carnavals stattfindende, von den Einheimischen Montevideos mit großer Begeisterung gefeierte authentische Angelegenheit. Zwar gibt es auch hier die ziemlich freizügig angezogenen, phantasievollst gekleideten Mädchen und Damen – wie man das von Rio kennt – aber viel wichtiger sind die ganz besonderen Candombe-Gruppen. Diese Musik-, besser gesagt Trommelgruppen sind von Vereini­gungen in den Stadtteilen Montevideos gegründet und werden mit enormer Intensität und kaum zu beschreibender Freude gelebt. Wer immer einmal Uruguay besuchen will, sollte also sehr ernsthaft überlegen, dies während des Karnevals zu tun, er wird memorable Erlebnisse mit nach Hause bringen.

(4) Karnevalzeit ist Sommerferienzeit. Was bedeutet, dass so ziemlich jeder, der es sich leisten kann, mit dem Auto an die Küste fährt – zum Feiern und Baden, oder auch in umgekehrter Folge. Die Autopisten sind logischerweise voll, es gibt auf den Ausfallstraßen immer wieder kleine oder größere Staus. Das für deutsche Augen Bemerkenswerte war allerdings, wie lässig, geduldig und unaufgeregt die Einheimischen das ertragen. Während in München der normale Autofahrer schon in seiner Garage zu hupen beginnt, weil ihm das Tor nicht schnell genug aufgeht, ist man hier, ja, eigentlich ganz un-latinoamerikanisch. Es gibt kaum einen Stress (auch nicht, wenn die Temperaturen sich jenseits der 30-Grad-Grenze bewegen) – was ja nun auch für Ausländer wichtig ist, die vielleicht vorhaben, mit einem Mietwagen auf eigene Faust durch das Land zu fahren.

DSCF1282 K1(5) Natürlich ist Montevideo eine Hauptstadt, eine Businessstadt, überhaupt das Zentrum von so ziemlich allem, mit seinen 1,5 Mio. Einwohnern – wie wir erfahren haben, ist das die Hälfte der in Uruguay lebenden Menschen überhaupt. Trotzdem hat die Stadt eine Ruhezone, die sich auf nicht näher zu beschreibende Weise positiv auf die Psyche der Menschen, oder sagen wir, ziemlich vieler Menschen auswirkt. Die Beobachtung war, dass sich am späten Nachmittag, am Abend, in der frühen Nacht, die Einwohner gerne am Meer treffen, an der Strandpromenade, der Rambla, die auf ihren vielen Kilometern weniger Geschäfte und ambulante Händler aufweist als ein spanischer Küstenort zwischen zwei Hotels. Es ist, irgendwie, erholsam, und übrigens, nach allem, was man gesehen und gehört hat, auch sicher.

(6) Möglicherweise trägt zu all diesem eine eigenartige Trink-Sitte der Uruguayos bei, die – im Gegensatz zu vielen anderen Dingen – bisher den Sprung auf den europäischen Kontinent noch so gut wie kaum geschafft hat. Jeder zweite Mensch, mindestens, ob Greis oder Kind, hat eine Tee-Ausrüstung dabei, die aus Thermoskanne mit heißem Wasser, Becher (calabasa) und silbernem Trinkhalm (bombilla) besteht. Die Rede ist vom Mate, und wer immer das erfunden hat, er hätte es sich patentieren lassen müssen, dann wäre er ein steinreicher Krösus geworden. Jedenfalls, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schlürfen des bitteren Mates irgendwie sehr zur Ent-Spannung beiträgt.

IMG_6815 B3(7) Was gab es noch Interessantes? Etwa eine riesengroße Freizeitanlage, bestehend aus einem hervorragend schönen Botanischen Garten, einer vollendet restaurierten jahrhundertealten Festungsanlage, Campingplatz und anderer Dinge – alles geführt und in Ordnung gehalten vom Militär. Und man ist ja, weiß Gott, vom Militär in Südamerika anderes gewohnt. Hier jedenfalls tut das Militär was Vernünftiges, um es platt zu sagen.

(8) Auf der Suche nach Erklärungen für die ziemlich geruhsame Lebensweise der Uruguayos, die ansteckend ist, stießen wir sehr bald auf einen höchst interessanten Faktor. Ein Land, das politisch sehr und wirtschaftlich einigermaßen ruhig ist (natürlich gibt es diese schon jahrzehntelange Abhängigkeit von Argentinien, aber da kann man nichts machen), muss einfach andere Präferenzen haben als Parteienstreit und Eroberungslust. Und das ist, wie wir sehr deutlich am ersten Tag sehen bzw. erleben konnten, das gute Essen und Trinken. Man möchte sagen, vergleichbar mit Italien, oder auch mit Frankreich, wo in der Liste der persönlichen Liebhabereien erst einmal etwas Gutes zu essen kommt und dann lange gar nichts. Gar nicht groß soll das beschrieben werden, es reicht, darauf hinzuweisen, dass alle Menschen, nicht nur Journalisten, die an Kulinarik interessiert sind, oder wie es neudeutsch heißt, am Foodtourismus, hier gut aufgehoben sind. Fleisch und Fisch spielen eine sehr wesentliche Rolle, so dass, nun ja, ausgesprochene Veganer sich vielleicht ein bisschen schwer tun. Andererseits werden Freunde der nachhaltigen Lebensweise mit Freude vermerken, wie angenehm es hier die Rinder haben. Jedes hat mindestens so viel Weideplatz für sich wie eine süddeutsche Kleinstadt einnimmt. Und das wirkt sich offenbar auf den Geschmack des Fleisches sehr positiv aus. Mehr muss nicht gesagt werden, höchstens, dass wir in Montevideo auch Restaurants besuchen konnten, die von der Art sind, dass man sie ungern weiter verrät, denn sonst wären sie noch voller als sie es jetzt sind.

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(9) Lukullische Foodhunter und exzentrische Gastrojournalisten werden darüber hinaus aber auch ihre Freude an den önologischen Produkten des Landes haben. Hervorragende Weine, vor allem die der sonst nur selten vorkommenden Rebsorte Tannat, sind einfach eine Entdeckung. Wir hatten Gelegenheit, vier Winzer zu besuchen und waren beeindruckt von der Freude, mit der hier Rot- und andere Weine produziert werden. Wer also etwas Besonders sucht für die nächste Feier, könnte sehr gut ankommen mit ein paar Flaschen Wein aus Uruguay, die von einigen, leider noch viel zu wenigen, deutschen Kellereien, importiert werden. Da tut sich auch Interessantes in Uruguay, denn soeben hat man die erste Straße des Weines organisiert – was ein Erlebnis für einschlägig Interessierte verspricht.

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(10) Kommen wir noch einmal auf etwas zurück, was besonders den deutschen Touristen, wie man aus Erfahrung weiß, sehr wichtig ist: die nennen wir es, prosoziale, Einstellung der Gastgeber. Das meint zum Beispiel, dass der Besucher aus Deutschland höchst überrascht ist, wenn sich die Belegschaft eines Leuchtturm – gerne – die Zeit nimmt, alles zu zeigen, auch wenn das ein paar Überstunden bedeutet. Wer schon einmal, oder vermutlich mehrere Male, in deutschen Landen erleben durfte, wie in einer Postfiliale um 17.57 die Türen mit einer Mischung aus Aggressivität und Sadismus geschlossen werden, möchte sich an einer neuen Art von Dienstleistungsmentalität erfreuen, der man in Uruguay begegnen kann.

Spiegel 2013, Ethisch korrekte RZ
Spiegel 2016 Polit. korrekte RZ

(11) Eine nicht ganz unwichtige Sache: In einer Zeit, in der der Tourismus in vielen Ländern zwischen die Mühlen von Terroranschlägen und Menschenrechtsverletzungen gerät, ist es wohltuend zu wissen und darauf hinzuweisen, dass es noch Länder gibt, in die zu reisen ethisch vertretbar ist. Die in Berkeley beheimatete Organisation „Ethical Traveler“ bewertet seit vielen Jahren die politische Situation in vielen Ländern und erstellt jedes Jahr aus den Ergebnissen eine Liste von Staaten, die man als ethisch orientierter Tourist mit sozusagen gutem Gewissen besuchen darf – oder sollte. Beachtung der Menschenrechte, Nachhaltiges Bauen, ökologische Landwirtschaft, gute medizinische Versorgung, Gleichstellung von Homosexuellen, Bildungsniveau und andere Kriterien wurden untersucht. Uruguay gehört seit 2011! durchgängig zu den 10 positiv ausgewählten Ländern. Darauf kann man mit Recht stolz sein.

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(12) Als letztes wollen wir noch daran mit einer besonderen Erfahrung anknüpfen – einem Gespräch mit Miguel Brechner, dem Erfinder und Leiter des Plan Ceibal. Dahinter verbirgt sich die beeindruckende Idee, dass hier alle Kinder der staatlichen Schulen völlig kostenlos Computer, und zwar im Laufe der Ausbildung drei verschiedene bekommen – so dass auch sozusagen in der hintersten Ecke auf dem Land immer und regelmäßig schulisch gearbeitet werden kann. Das ist mit Recht eine soziale Errungenschaft (und der schnauzbärtige Brechner eine sympathische und authentische Persönlichkeit).

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Halten wir fest: wenn es derzeit wirklich den Slow-Tourismus gibt, dann wissen wir eine Destination, die sich sehr dafür eignet.

Text und Fotos: Dr. H. Jürgen Kagelmann

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