Kunst-Pilgerreisen mit spirituellen Elementen

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„Durch die Augen in die Seele“ – auf den Spuren von Marc Chagall durch Zürich. Zürich gehört mit über 50 Museen und 100 Galerien weltweit zu den Top 10 der führenden Kunstzentren. Noch bis zum 12. Mai 2013 zeigt das Kunsthaus die Ausstellung „Chagall Meister der Moderne“ mit rund 90 Gemälden und Arbeiten auf Papier des Künstlers. Denn der „Maler-Poet“ hatte vor allem in seinen späteren Lebensjahren einen intensiven Kontakt mit Zürich. Wer also dorthin fährt, kann die Stadt an der Limmat auf den Spuren von Marc Chagall (1887-1985) neu entdecken.

Hotelhalle mit Blumenstrauss im Baur au Lac

Farbensturm in der Kunsthalle: Paris, Berlin, Witebsk

Auftakt der Ausstellung ist das Bild „Ich und das Dorf“ (1911) aus dem New Yorker Museum of Modern Art. Ein rosafarbenes Band lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Bauern mit Sense. Er geht auf eine Frau zu, die kopfüber vor ihm durch die Luft schwebt. Linkerhand kommt eine weitere Frau ins Spiel, die eine Kuh mit menschlichen Beinen melkt. Dargestellt wird dieses Detail auf dem Kopf eines Tieres, das ein Schaf oder ein Esel sein kann. Es schaut in das Profil eines Mannes mit grünem Gesicht. Zwischen ihren Augen verläuft eine haarfeine Linie, so dass es zwischen Mensch und Tier zu „funken“ scheint. „Für Chagall war das Künstlertum eine weltliche und eine spirituelle Berufung“, erklärt die Kuratorin Simonetta Fraquelli. „Das chassidische Judentum seiner Kindheit verband die Vergangenheit mit der Gegenwart und trat für die Einheit und Harmonie zwischen Mensch und Tier ein, in Gemeinschaft mit Gott.“

Chagall war ein äußerst produktiver Künstler, dessen erfolgreiche Karriere lange gedauert hat. Mit weit über 90 Jahren starb er im französischen Saint-Paul-de-Vence. Wer an ihn denkt, hat vor allem schwebende Liebespaare mit Blumen und Eifelturm vor Augen. Weniger bekannt ist allerdings sein Frühwerk. Jahrzehnte lang wurde es von der farbenfrohen Welt, die er später in seinem Leben malte, überstrahlt. „Mit dieser Ausstellung wollen wir manches Klischee, das Chagalls späten Ruhm begründete, korrigieren und seinen Beitrag zur Avantgarde würdigen“, betont Christoph Becker, Direktor der Kunsthalle in Zürich. „Deshalb haben wir uns auf die für seine Karriere entscheidenden Jahre 1911 – 1922 konzentriert.“ Bedeutende Stationen sind sein Aufenthalt in Paris vor dem Ersten Weltkrieg, seine Reise nach Berlin und die Zeit, die er wieder in seiner Heimat verbrachte. „Dies“, so Becker, „sind die Jahre, in denen sich Chagall als Meister der Moderne etabliert.“ Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen entwickelte er eine Kunst, die sowohl seine jüdisch-russische Kultur als auch die „Ismen“ seiner Zeit in Paris (Kubismus, Fauvismus und Orphismus) und danach in Russland (Suprematismus und Konstruktivismus) zum Ausdruck bringt. Dabei mögen Heimweh oder einfach nur Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln im jüdischen Schtetl sein Beweggrund gewesen sein: „Ich versuche, Schichten seelischer Wirklichkeit auf die Leinwand hinüberzutragen und sie dort abzulegen“, hat er selbst gesagt.

Theater der Träume in Moskau

Regelmäßig war Chagall auch als Bühnenbildner tätig. Darstellungen von archetypischen jüdischen Charakteren wie Volksmusiker oder Zeremonienmeister, Thora-Schriftgelehrte und Hochzeitstänzer symbolisieren Musik, Drama, Literatur und Tanz. Höhepunkt der Ausstellung sind deshalb die Wandbilder, die Chagall 1920 für das Jüdische Theater in Moskau malte. Darunter ist auch die interessante Komposition „Das Hochzeitsmahl“. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um das längste Stillleben der Welt, auf dem Chagall Speis und Trank auf einer Hochzeitstafel anordnet – ein Huhn, ein Fisch mit einem seltsamen Kopf, einen Mann auf einem Teller sowie rituelle koschere Gerichte. Insgesamt sind die Wandmalereien für das Jüdische Theater ein Rundpanorama, ein Kreislauf des Daseins, in dem Chagall Gewesenes und Gegenwärtiges, Wirkliches und Erfundenes miteinander verbindet. Außerdem sind sie die letzten großen Arbeiten Chagalls vor seiner Ausreise aus dem sowjetischen Russland. Als ob er den Abschied gleichsam schon geahnt hatte, legte er in diese Bühnenbilder die ganze Kraft und Macht seines Talentes. Meret Meyer, die Enkelin des Malers, bringt es auf den Punkt: „Chagall war ein bewusster Träumer, alles ist konstruiert.“ Aufgrund glücklicher Umstände wurden diese Meisterwerke Chagalls in der stalinistischen Epoche nicht zerstört, sondern kamen in die Tretjakow-Galerie.

Gustav Zumsteg – ein Sammler mit Talent und Tiefgang

Doch dieser Event ist nicht der erste und einzige seiner Art über Marc Chagall in Zürich – im Gegenteil! Gerade das Kunsthaus blickt auf eine lange Reihe von Ausstellungen zurück, die ihm gewidmet waren. Denn es besitzt selbst zahlreiche Gemälde aus allen seinen Schaffensphasen, die fast ausnahmslos von Chagalls Familie und anderen großzügigen Gönnern wie zum Beispiel Gustav Zumsteg (1915-2005) geschenkt wurden. Zumsteg war Seidenhändler und Inhaber des legendären Restaurants „Kronenhalle“ an der Rämistr. 4. Bekannt ist es bis heute nicht nur für das Zürcher Geschnetzelte, Burgunder Wein und Mousse au Chocolat, sondern auch für die vielen wertvollen Bilder, die Zumsteg in seinem Restaurant aufgehängt hat. Denn seine Wohnung über dem Lokal war zu klein für seine Schätze. Zumsteg war bereits 1947 der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde beigetreten, 1963 wurde er Mitglied des Vorstands der Zürcher Kunstgesellschaft, 1975 Präsident der Sammlungskommission.

Den Anfang seiner zahlreichen Schenkungen an das Kunsthaus machte sogar ein Gemälde von Marc Chagall, nämlich „La fenetre sur l´Ile de Bréhat“ aus dem Jahr 1924. „Wir entdecken in seinen Werken wesentliche Werte des Lebens. Instinkt, geistige Substanz, tiefe Religiosität verbunden mit Herzensgüte durchdringen sich hier aufs innigste“, hat Zumsteg über Chagall gesagt. Doch wie kamen seine Bilder zum Sammler? Zumsteg war nach dem Krieg in der Hierarchie der Seidenfirma Abraham aufgestiegen und hatte geschäftlich viel in Paris, New York, London, Rom und Madrid zu tun. Daraus entstanden tiefe Freundschaften mit Christian Dior, Coco Chanel und Yves Saint Laurent. Aber nicht nur die Welt der Mode, sondern auch die Welt der Kunst hatte sich ihm durch seinen Beruf und seine Reisen eröffnet. Gustav Zumsteg wurde ein leidenschaftlicher Verehrer der Malerei – und sammelte wie im Rausch. Unter den Augen seiner stolzen Mutter Hulda schmückte er die Wände der Kronenhalle mit den Bildern großer Meister wie zum Beispiel Georges Braque, Joan Miró, Robert Rauschenberg, Giovanni Giacometti, Jean Tinguely, Pablo Picasso – und Marc Chagall. Viele Werke tragen persönliche Widmungen und geben Zeugnis von inniger Zuneigung, ja Verehrung der Künstler für ihre Gastgeber. Schnell wurde die Kronenhalle zum Treffpunkt von Schauspielern, Dichtern und Prominenten.

Zu den bekannten Besuchern des Restaurants gehörten James Joyce, Wladimir Horowitz, Oskar Kokoschka, Lauren Bacall, Andy Warhol, Golda Meir und Günter Grass. Stammgäste waren außerdem Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Wer die Kronenhalle betritt, den zieht zuerst das lebensgroße Varlin-Porträt von Hulda Zumsteg in einer Balenciaga-Robe mit wertvollen Preziosen in den Bann. „Madame Zumsteg“, wie Chagall die imposante Frau einst nannte, trägt das Modell mit unvergleichlicher Grandezza und wacht wie eine Königin über ihr Reich. Stets in eleganten Seidenstoffen gehüllt und mit einer grandiosen Perlenkette, einem Löwenarmband von Cartier und einem Tiffany-Ring geschmückt ging sie von Tisch zu Tisch, um ihre Gäste zu begrüßen. Marc Chagall hat ihre opulente Speisekarte nicht nur mit zarten Strichen verschönert, sondern sie auch zu ihren hohen Geburtstagen besucht. So ist überliefert, dass er sie zärtlich „Ma soeur“ – meine Schwester – und Gustav Zumsteg „mon fils spirituel“ – mein Sohn im Geiste – nannte. „Hühnchen, Lamm und Kaviar waren sein Leibgericht“, erzählt Geschäftsführer Andreas Wyss. „Dazu gab es natürlich Wodka.“ 1974 kaufte Zumsteg von Marc Chagall den „Sonnenuntergang“. Zur Legende wird die Kronenhalle als Mutter und Sohn diese Welt verlassen. „Doch beide haben nach guter Schweizer Art vorgesorgt“, so Wyss. Es gibt eine Hulda und Gustav Zumsteg-Stiftung, die bis ins kleinste Detail bestimmt, was mit der Kronenhalle zu geschehen hat. Denn dieses besondere Lokal soll weiterleben. So wie es geschaffen wurde: Mit seinen Gästen, den Bildern, den Speisen, dem einzigartigen Rahmen. Ein überaus menschliches Monument der Gastlichkeit eben. Oder wie Gustav Zumsteg sagen würde: „Sans pareil“ – einzigartig!

Meditieren vor den Chagall-Fenstern in Fraumünster

Wer auf den Spuren von Marc Chagall durch Zürich spaziert, sollte einen Stopp in Fraumünster einlegen. Die ehemalige Klosterkirche ist eines der Wahrzeichen der Stadt und geht auf eine Stiftung von Ludwig der Deutsche, ein Enkel Karls des Grossen, im 9. Jahrhundert zurück. Vor allem Frauen aus dem Hochadel wurden gegen Zahlung einer Mitgift ins Kloster aufgenommen, wo sie zwar nach der Ordensregel der Benediktiner lebten, aber auch das Recht hatten auszutreten und zu heiraten. Zusammen mit der Wasserkirche und dem Grossmünster bildete Fraumünster bis zur Reformation eine Prozessionsachse in Bezug auf die Heiligen Felix und Regula. Ab 1967 wurde der Chorraum aus dem 13.Jahrhundert mit fünf Glasfenstern von Marc Chagall ausgestattet. 1978 schuf Chagall außerdem noch ein Fenster für die Rosette des südlichen Querschiffs.

„Die Kirche ist ein Raum, den man betritt, um ihn später anders zu verlassen“, meint Niklaus Peter, seit 2004 Pfarrer von Fraumünster. „Sie ist ein Ort der Transformation, in dem sich innere Welten öffnen.“ Dazu dienen auch die Fenster von Chagall. Jedes Jahr ziehen sie rund 300.000 Besucher an. „Viele von ihnen verweilen lange davor, beten und meditieren“, weiß Peter. Denn Chagall hat viele Themen eingebaut wie zum Beispiel das Alte Testament, die Himmelsleiter, die Propheten und die Passionsgeschichte. Der Schweizer Bauunternehmer Hatt, dessen Name erst nach seinem Tod genannt wurde, hat die Fenster gestiftet. „Chagalls Fenster sind Predigten in Bildworten“, so Peter. „Übers Auge gelangen sie in die Seele, in den Weltinnenraum, wie Rilke es genannt hat.“

Zeichnungen ins goldene Buch vom Hotel Baur au Lac

Ohne Input kein Output. Deshalb sind Kaffee und Kuchen in der Hotelhalle von Baur au Lac ein weiteres „Muss“ für jeden Chagall-Liebhaber. Das Hotel liegt nur einen Katzensprung von Fraumünster entfernt, vor dem Eingang steht ein Rolls Royce Phantom, der den Gästen exklusiv zur Verfügung steht. Seit der Eröffnung 1844 wird das Hotel heute in der sechsten Generation von der Familie Kracht geführt und ist damit das weltweit älteste Luxushotel, das noch im Besitz seiner Gründerfamilie ist. 1856 feierte Richard Wagner hier die Uraufführung des ersten Aktes seiner Walküre. Weitere prominente Gäste waren König Ludwig I. von Bayern, Kaiserin Elisabeth von Österreich, Thomas Mann, Richard Gere, Sophia Loren, Brigitte Bardot und Daniel Craig. Marc Chagall hat dort dreimal übernachtet, nämlich 1965, 1979 und 1983. Nachzuvollziehen ist das durch seine Eintragungen und Zeichnungen ins goldene Buch des Hotels. „In seiner Suite arbeitet Chagall an den Glasmalereien für die Kirchenfenster von Fraumünster. Sein Pinselstrich bespritzt alles“, berichtet Hoteldirektor Wilhelm Luxem. „Oft hinterlässt die Farbe Flecken auf dem Spannteppich, der jedes Mal nach seiner Abreise ausgewechselt wird. Leider ist von diesen Fragmenten, Spuren eines spontanen Schaffens, nichts erhalten.“ Trotzdem ist es ein Genuss in der Hotelhalle zu verweilen. Dort werden einem nicht nur Obsttörtchen mit frisch geschlagener Sahne serviert, sondern man kann auch die geschmackvollen Kreationen der zwei hauseigenen Floristinnen bewundern, die die Räume täglich mit über 1000 Schnittblumen dekorieren. So erinnert das üppige Arrangement aus orangefarbenen Lilien und Flamingoblumen im Zentrum der Hotelhalle auch an die farbenfrohen Werke von Chagall, der gesagt hat: „Wenn ich aus dem Herzen heraus arbeite, gelingt fast alles!“

Bericht von Sonja Schön, Infos: zuerich.com

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Über den Autor

Gabriele Wilms

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Tätigkeit des Reisejournalistin und Bloggerin. Ich betreue Toureal als verantwortliche Chefredakteurin. Gut ein Drittel des Jahres bin ich daher für unser Reisemagazin unterwegs in den schönsten Hotels Europas.

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