Sticken als Meditation im Lindner Parkhotel

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Lederhose und Dirndl gehören zu Bayern wie Weißbier und Brezn. Immer zur Wiesnzeit wird ganz Deutschland vom Trachtenfieber angesteckt, die ist zwar schon wieder vorbei, doch das Interesse an Tracht besteht immer noch. Doch wie viel Handarbeit, Fingerfertigkeit und Herzblut in der traditionellen Tracht steckt, erfahren die Gäste des Lindner Parkhotel & Spa in Oberstaufen das ganze Jahr und können an ausgewählten Terminen selbst zu Trachtenstickern werden.

bestickte Westen

Heidi Baumgartner aus Obersdorf ist Stickerin, ein außergewöhnlicher Beruf für die heutige Zeit, denn diesen gibt es so nicht mehr. Bei der Frage, was sie macht, sagt Sie „sticken“ und was machst du beruflich – „ich sticke“ und womit verdienst du dein Geld – „ich bin Stickerin“. Damit stößt sie oft auf Unverständnis. Sticken wirkt wie Meditation, man schaltet völlig ab und entspannt sich, je besser man das Sticken beherrscht. Mit 12 Jahren hat sie angefangen zu sticken und ab da war ihr klar, das ist meine Berufung, ich werde Stickerin. Dann kam eine Schülerin ihrer Großmutter, die schon sehr früh verstorben war, auf sie zu und fragte, ob sie nicht das Edelweißhosenträgersticken erlernen möchte. Mit 16 ging sie in den Bregenzer Wald in Österreich und erlernte die Goldstickerei. In einem niederbayrischen Kloster hat sie eine Ausbildung zur Fahnen- und Paramenten-Stickerin absolviert. Dafür ging sie mit ihrer 4-jährigen Tochter als Weltliche ins Kloster. Nach Gesellen- und Meisterprüfung hat sie sich selbständig gemacht.

Sie arbeitet im Auftrag, stellt besondere Textilien von Hand her, restauriert alte Textilien, schreibt Gutachten und arbeitet mit Museen zusammen. Als 2. Standbein hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die alten Techniken weiter zu geben. Denn das Kulturgut, die Kunst des Stickens soll nicht verloren gehen. Dafür hat sie versucht über den Kulturfond Geld zu generieren, aber da wurde sie nur als stickende Hausfrau belächelt und sie solle doch weiter sticken und nach Hause geschickt. Sie hält unendlich viele Vorträge, um die Menschen dafür zu sensibilisieren, was für ein wichtiges Kulturgut das Kunststicken ist. Der Beruf der Stickerin ist so umfangreich, was damit alles zusammenhängt, neben dem Sticken gehört Kunstgeschichte, Wappenkunde, Ornamente, Design, zeichnen, Materialkunde und Symbolik dazu.

Die 53-järige Handstickmeisterin zeigt die Kunst, Lederhosen mit filigranem Edelweiß zu besticken, das wichtigste Element der Allgäuer Tracht. Tracht zeigt aus welcher Gegend oder welchen Ort man kommt, es zeigt die Zusammengehörigkeit. Zur Frage, wie viel Edelweiß auf Hosenträgen gehören, sagt sie: „zum Beispiel, wenn jemand zwei Mädchen hat, bekommt er 4 Blüten drauf“. Zur Herstellung von Edelweißhosenträgern braucht sie ca. 35 Arbeitsstunden und gerade zum sticken von Edelweißhosenträgern gibt sie ganz viele Kurse.

Schwälmer Tracht:
– Ledige Frauen tragen rot, da ist Feuer, da ist Leben und da ist Zukunft
– Verheiratete Frauen tragen grün, grün ist die Hoffnung, man hat die Hoffnung das Nachwuchs kommt
– Witwen tragen ein Jahr schwarz, dann lila, der letzte Versuch, ältere unverheiratete Frauen tragen auch lila

Familie in Tracht

Stickkurse werden auch im Lindner Parkhotel & Spa angeboten und sind sehr beliebt, somit können Gäste von der Handstickmeisterin alles Wissenswerte rund um die Allgäuer Tracht erfahren und in einem Workshop die filigrane Edelweißstickerei lernen. Auf die Frage ´Was ist das faszinierende am Sticken?´ sagt Frau Baumgartner: „zum Einen erst mal das Kreative, man hat mit tollen Materialien zu tun, freie Zeiteinteilung und sie restauriert alte Sachen. Das Kurse geben macht besonders Spaß, denn die Damen kommen freiwillig zu ihr und wollen was lernen.“ Die Kurse gehen normalerweise eine Woche. Anreise ist am Sonntag. Der Kurs beginnt Montag früh und geht bis Freitagmittag. Das Sticken wird so als Arbeit der Hausfrau abgewertet, dem ist aber nicht so. Es ist wichtig wieder mit seiner Hände Arbeit etwas herzustellen und dies in aller Ruhe und Konzentriertheit. Das beste Programm zum runter kommen, zum Entschleunigen. Zu den Stickerinnen, die die Kurse besuchen gehören ganz viele Ingenieurinnen, ganz viele die am PC arbeiten, diese sagen zum Beispiel: „ich sitze den ganzen Tag am PC, mache abends das Gerät aus und es ist nichts mehr da“. Dann kommen Frauen aus therapeutischen Berufen, Psychologinnen und Ärztinnen. Diese wollen einfach mal wieder runter kommen, wieder mal bei sich selbst sein und dabei etwas mit den Händen herstellen, beobachten wie etwas wächst und etwas bleibt. Abends nur mal eine Stunde sticken beruhigt. Sticken hat meditativen Charakter, am Anfang sind Sie hoch konzentriert, bis es so richtig gut von der Hand geht. Dann kommt die Phase, wo man es automatisch macht und das ist die Phase, wo die Gedanken hoch kommen. Dies ist besonders gut, wenn man über etwas grübelt, dann arbeitet man so vor sich hin und verarbeitet so die Gedanken.

In Deutschland ist der Bezug zu guter Kleidung leider verloren gegangen. Die Kurse von Frau Baumgartner besuchen immer mehr Ausländer als Deutsche und diese möchten das Herstellen von Mustertüchern lernen. Bei ihr lernen ganz viele Holländer, Schweizer, Österreicher und Engländer, denn diese schätzen das Traditionelle. Sie hat Kurse für die Zeitschrift „Anna“ im Burdaverlag gegeben und diese wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Danach kam eine russische Ikonenstickerin zu ihr in den Kurs. Sie war 3 Tage von Sarow bis Obersdorf unterwegs, nur um bei das Paramenten sticken zu lernen. Sie hat Kontakt zur Südafrikanischen Stickergilde, waren des Öfteren in Obersdorf und haben sie immer wieder eingeladen. Als ihre Tochter groß genug war, half sie bei den Kursen der „Schwälmer Stickerei“, denn diese wollen die Ausländer bei ihr lernen, die kennt kaum noch jemand in Deutschland. So hat sie in Johannesburg und Pretoria Kurse in Schwälmer Stickerei gegeben und Vorträge gehalten. Deutsche wollen immer nur Verwendung für ihre Stickereien, wie zum Beispiel Tischwäsche, Ausländer dagegen wollen alte Techniken wie Mustertücher erlernen. In Holland gibt es sogar einen Verein, die die Mustertücher sammeln. Über Holland ist sie nach Indonesien gekommen, um hier an einem niederländischen Hilfsprojekt mitzuarbeiten. Sie haben Damen das Sticken beigebracht. Ausländer finden es total interessant diese Technik bei ihr zu erlernen, weil sie wiederum deutsche Kulturgeschichte und was Textilien betrifft fasziniert.

Für die weitgereiste Stickerin Heidi Baumgartner ist das Lindner Parkhotel in Oberstaufen ein idealer Ort für ihre Kurse: „Hier erleben die Gäste die Besonderheiten der Region in vielen kleinen Details“. Denn das im typischen Allgäuer Stil erbaute Haus setzt in seinem Bergwiesen Spa und der Kräuterküche auf regionale Produkte wie Wiesenkräuter, Bergsalz sowie Allgäuer Molke und greift in allen Zimmer typische Elemente der Allgäuer Tracht auf.

Die Gäste haben die Wahl zwischen Wochenend- und Wochenstickkursen das Allgäuer Trachten-Handwerk ab fünf Teilnehmern bei Heide Baumgartner zu erlernen. Neben Anekdoten rund um die Allgäuer Trachten – etwa, woran man wirklich erkennt, ob die Dirndl-Trägerin ledig oder verheiratet ist – und die Geschichte der Stickerei lernen die Gäste die Kunst der Edelweißstickerei, flinke Finger leicht gelernt. Weitere Stickarten wie die Weißstickerei, die Nadelmalerei oder Hohlsaumstickerei können sie je nach Interesse und Vorwissen ebenfalls lernen. Der Wochenendkurs (8 Stunden Unterricht) kostet 96 Euro pro Person. Die Stickkurs-Woche (29 Stunden) kostet pro Person 290 Euro.

Fotos Gabriele Wilms

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Über den Autor

Gabriele Wilms

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Tätigkeit des Reisejournalistin und Bloggerin. Ich betreue Toureal als verantwortliche Chefredakteurin. Gut ein Drittel des Jahres bin ich daher für unser Reisemagazin unterwegs in den schönsten Hotels Europas.

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