500 Jahre Reformation im Allgäu und Augsburg

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Im Jubiläumsjahr Luther 2017, es ist das Reformationsjahr – steht das Thema „Martin Luther – 500 Jahre Reformation“ in ganz Deutschland im Mittelpunkt. In einer Reihe von Artikeln möchte ich Ihnen die verschiedensten Regionen und deren Einfluss der Reformation vorstellen. Beginnen möchte ich mit dem Allgäu, begleiten Sie mich auf die Spuren von Martin Luther, Calvin und Zwingli.

evangelische Kirche unsere Frauen in Memmingen

Reformation spielte sich damals nicht nur im Norden und im Osten Deutschlands ab, sondern auch im Allgäu und ganz insbesondere in der Friedensstadt Augsburg, über Augsburg werde ich in einem anderen Artikel mehr erzählen. Das Allgäu stand unter dem Einfluss der Schweizer Calvin und Zwingli, sowie auch Luther.

Am 10. November 1483 ist Martin Luther in Eisleben, Sachsen-Anhalt geboren. 1508 kommt er als Mönch nach Wittenberg. 1517 veröffentlicht er seine berühmten 95 Thesen am Portal der Schlosskirche zu Wittenberg und wurde damit er zum theologischen Urheber der Reformation. Er starb am 18. Februar 1546. Luthers Lehre kam schon früh nach Bayern, so wurde Luther 1518 in Augsburg vom päpstlichen Legaten Cajetan verhört, weil er die 95 Thesen zur kirchlichen Bußpraxis an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hatte und diese widerrufen sollte. 1530 legten im schwäbischen Augsburg die inzwischen protestantisch gewordenen Reichsstände ihr „Augsburger Bekenntnis“ ab. Im Jahr 1809 wurde die sogenannte Konsistorialordnung festgeschrieben und dies war der Beginn der verfassten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Doppelstadt Kempten

Kempten ist 2000 Jahre alt und gilt als die älteste Stadt in Deutschland. Die Römer nannten sie Cambodunum und deren Siedlung kann man im archäologische Park Cambodunum, auf Deutsch – Burg an der Flusskrümmung -, erkunden. Das Thema Reformation ist im Stadtbild sichtbar wie sonst nirgendwo. Kempten ist im Prinzip eine Doppelstadt, der reformierten evangelischen Reichsstadt mit dem Rathausplatz und dem historischen Rathaus an der Iller und der katholischen Stiftsstadt mit der barocken St. Lorenz-Basilika am Hildegardplatz darüber, inmitten eines der größten Territorien eines Fürststifts im süddeutschen Raum. Über 600 Jahre waren es zwei Städte nebeneinander, miteinander und oftmals gegeneinander.

Wandermönche aus St. Gallen kamen vor rund 1250 Jahren nach Kempten und verbreiteten den christlichen Glauben unter den Alemannen und Kelten. Der Heilige Magnus, auch Sankt Mang war wohl der Bekannteste. Nach ihm wurde die größte evangelische Kirche des Allgäus in Kempten benannt.


Altar in der St.-Mang-Kirche

In der St.-Mang-Kirche hatten sich selbstbewusste Bürger versammelt, um im 14. Jahrhundert für ihre Stadt den Status der freien Reichsstadt zu erlangen. Mit einer großzügigen Spende von 6 Büchern wurde der Grundstock für die wertvolle Bibliothek der St. Mang-Kirche gelegt und die Bildung wurde gepflegt. Um 1520 lasen die Pfarrherren die Schriften der Reformatoren und damit schloss sich Kempten mit den Reichsstädten Lindau, Isny, Kaufbeuren und Memmingen der Reformation an. Das produzierende Gewerbe in der Stadt war bis ins 17. Jahrhundert von den Webern geprägt. Das 18. Jahrhundert brachte dem Fernhandel eine späte Blüte. In den folgenden Jahren setzte sich in der Stadt die Reformation durch, erst herrschte der Einfluss des Schweizer Reformators Zwingli und etwa ab 1550 richtete man sich an der Lehre Luthers aus.

Wir erkundeten die Stadt und ihre Geschichte zunächst unter der Erde und stiegen hinab in die Gruft der St. Mang-Kapelle. Der Schauraum der Erasmuskapelle stellt ein wiederentdecktes spannendes Stück Kemptener Geschichte im Untergrund der ehemaligen Reichsstadt dar. Ein ganz besonderes Erlebnis war die Multivisionsshow, in der Geschichte lebendig wird und wir uns mittendrin gefühlt hatten.

Prunkräume der Residenz Kempten

Unbedingt besuchen sollte man die barocke Residenz Kempten, sie gilt als erste Klosteranlage, die in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtet wurde. Die Residenz und die St. Lorenz-Basilika bilden das Zentrum des Fürststifts Kempten und sind der Nachfolgebau des romanischen Klosters mit der Klosterkirche. Die Residenz, ein Juwel der Rokoko-Architektur, wurde teilweise über den Fundamenten der zerstörten dreischiffigen romanischen Basilika erbaut. Aus dem ursprünglich als Kornhaus gedachten Gebäude, das bereits im Bau war, erbaute man 1651 ein Flügel der Residenz. 1660/61 wurden die Flügel um den östlichen Hof errichtet und in den Jahren 1661 bis 1664 entstanden der Süd- und Westtrakt um den westlichen Hof und gleichzeitig erste Teile der Innenausstattung.

Die edlen Prunkräume in der Residenz dienten dem Fürstabt zur Repräsentation. Fürstabt Anselm von Reichlin-Meldegg betraute 1732 Künstler mit der Ausstattung der fürstäbtlichen Räume im Südflügel der Residenz. So arbeiteten Hofmaler Franz Georg Hermann, die Stukkateure Johann Georg Üblhör und Johann Schütz und der Bildhauer Aegid Verhelst an dem Gesamtkunstwerk.


Residenz Kempten

Der Stuck und die wunderschöne Malerei stellen in ihrem Zusammenwirken und in ihrer Prachtentfaltung eine wahre Sinnesfreude des Barock und Rokoko dar. Der Konvent zog in den östlichen Teil der Residenz und somit zum Konventhof wurde. Die Residenz hat einen rechteckigen Grundriss von 145 mal 43 Metern. Die Teilung durch einen Querbau schafft zwei fast gleich große Innenhöfe.

Die genaue Abfolge der Räume entspricht dem im 18. Jahrhundert für Appartements der Regenten verbindlichen Schema: Festsaal – Vorzimmer – Audienzzimmer – Schlafzimmer. 1740 – 1742 erfolgte dann als Krönung die Ausstattung des Thronsaales. Die Prunkräume in Kempten sind einmalig im süddeutschen Raum und stellen in ihrer Prachtentfaltung eine wahre Sinnesfreude des Barock und Rokoko dar. Ich war einfach hin und weg, wie wunderschön und es war schwer sich los zu reißen. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Reformationsgeschichte von Isny

In der ehemaligen Reichsstadt Isny hat, wie viele andere ehemalige Reichsstädte, den Wandel von der katholischen zur evangelischen Stadt mitgemacht. Heute noch gut sichtbar im mittelalterlichen Oval sind die beiden Kirchen, die katholische und die evangelische direkt nebeneinander, was doch recht ungewöhnlich ist. Schon früh schlossen sich die Bürger in Isny der Reformationsbewegung an. In Isny finden im Jubiläumsjahr die Reformation viele Veranstaltungen, Ausstellungen und vieles mehr statt.

Um diese bildlich darzustellen, hat Isny eine historische Stadtführung als Schauspiel zum Thema Reformation „Von Recht- und Wüstgläubigen“ erschaffen. Premiere wird am Ostermontag, 17. April 2017 16.00 Uhr sein und wir durften schon einmal einen kleinen Ausschnitt erleben, ein wirklich tolles Erlebnis, kommen Sie mit.

In Isny hat die Reformation deutliche Spuren im wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Leben hinterlassen. Die Stadtführung „Von Recht- und Wüstgläubigen – Leben in Isny zur Reformationszeit“ zeigt an fünf historischen Plätzen in Isny, welche Sprengkraft und Spannung dieser Epoche innewohnte. Ob Klerus, Bürgertum, Humanisten oder Dienerschaft – alle traf die Auseinandersetzung um Wahrheit, Moral, Macht und Recht. Schauspieler sind Isnyer Bürger, die auf ihrem Weg durch die Stadt von der Musik von Michael Praetorius (1571-1621) begleitet werden.

Unter Anleitung der Schauspielerin, Theaterpädagogin und Regisseurin Ute Dittmar nehmen dreizehn Laien-Darsteller und ein Flötist in originalgetreuen Kostümen die Teilnehmer der szenischen Stadtführung mit zurück in die Jahre 1523 bis 1535. Der Theaterstoff bedient sich historischer Quellen aus dem Isnyer Stadtarchiv, die Hartmut Helber, Geschichtsexperte und Heimatforscher aus Isny-Rohrdorf, als Drehbuch konzipierte. Die Szenen selbst spielen an fünf Orten in der Isnyer Altstadt, die heute ebenso als Andachts- und Versammlungsorte dienen wie im 16. Jahrhundert.

Ab Mai findet jeden 1. Samstag im Monat, 10.00 und 12.00 Uhr diese Stadtführung statt, Treffpunkt ist das Eingangsportal der Nikolaikirche und es kostet 15 Euro pro Person, Inhaber Kurkarte Isny, Allgäu-Walser-Card, Schüler und Studenten bezahlen 13 Euro, Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre frei, bis 17 Jahre erhalten Sie 50% Ermäßigung. Die Mindestteilnehmer sind 6 Personen. Infos Isny Marketing GmbH Tel.: +49 7562 97563-0 info@isny-tourismus.de

Predigerbibliothek der Nikolaikirche Isny


Nikolaikirche Isny

Ein absolutes Highlight und eine Fundgrube für Schriften und Bücher der Reformation ist die original erhaltene Prädikantenbibliothek der Nikolaikirche, wo 500 Jahre alte originale Schriften von Melanchthon, Zwingli und Calvin lagern. Ihren wertvollen Handschriften und Drucken zeugen von diesen bewegenden vergangenen Zeiten.

Die mittelalterliche Predigerbibliothek in der Nikolaikirche, die über Jahrhunderte gerettet wurde, ist im Sakristei-Turm untergebracht. Wir steigen die schmale Treppe hinauf und stehen in der bis an die Decke mit historischen Büchern gefüllten Bibliothek. Im Turm versteckt, die Luft geschwängert von Hopfen-Geruch, der Hopfen ist für die Erhaltung der Bücher notwendig, und alten Büchern, liegen die Originalschriften sowie Merian-Stiche der damals bekannten Welt.

Die Predigerbibliothek wurde im 15. Jahrhundert gestiftet, weil man der Predigten und des Verhaltens der katholischen Kleriker überdrüssig war. “Was ihnen an Bildung und religiöser Tiefe fehlte, das suchten sie zu ersetzen durch lärmenden Vortrag, rohe Übertreibung des Ausdrucks, durch kirchliche Fabeln und weltliche Possen“, so liest man im Archiv. Mit diesen Schriften, insbesondere den Reformationsdrucken, haben sich jahrhundertelang Prädikanten auf ihre Messen und Predigten vorbereitet.

In dieser Predigerbibliothek hat sich die Zeit, wie es scheint, 500 Jahre nicht verändert. Uns werden ein paar der alten Schriften gezeigt und somit ein kleiner Einblick in die Geschichte gegeben. Im Sommerhalbjahr (von Ostern bis 31. Oktober) haben Sie die Gelegenheit, in einer 1-stündigen Führung, jeden Mittwoch um 10.30 Uhr und jeden ersten Samstag im Monat um 15.30 Uhr die kleine Bibliothek zu besichtigen. Treffpunkt ist die Nikolaikirche.

Memmingen und die 12 Bauernartikel

Wenn man heute durch Memmingen spaziert, kann man sich kaum vorstellen, dass hier im Jahre 1525 eine Revolution zugange war, die weitreichende geschichtliche Folgen mit sich getragen hat. Wir begaben uns auf eine historische Stadtführung auf den Spuren der Reformation, welche im historischen Gewand geführt wurde, vorbei am historischen Markt, dem Haus der Kramerzunft und an der evangelicschen Kirche Unsere Frauen .

Fast 490 Jahre sind vergangen, seit damals die abhängigen Bauern zum Widerstand aufriefen und mit dem Bauernkrieg von 1525 eines der bedeutendsten Kapitel der deutschen Geschichte schrieben. Nach langen Beratungsrunden wurden hier in der Kramerzunft im März des Jahres 1525 die sogenannten „12 Bauernartikel“ und die „Bundesordnung“ verabschiedet. Noch heute erinnert ein Gemälde am historischen Haus der Kramerzunft an dieses geschichtsträchtige Ereignis.

Memmingen war nicht ohne Grund zum Versammlungsort gewählt worden. In der Auseinandersetzung um den rechten Glauben und das rechte Leben, galt die Stadt als progressiv und bauernfreundlich. Der Reformator Christoph Schappeler predigte die Gültigkeit des göttlichen Rechts auch in weltlichen Dingen und sorgte dafür, dass sich Memmingen früh dem neuen Glauben zuwandte. Memmingen war die erste und einzige Reichsstadt in ganz Oberschwaben, die diesen Schritt wagte. Mit dem Memminger Kürschner und Feldschreiber des Baltringer Haufens Sebastian Lotzer stand den Bauern in der Stadt ein engagierter Fürsprecher zur Seite.


evangelicschen Kirche Unsere Frauen

Das Treffen der Bauern in Memmingen war eine erste verfassungsgebende Versammlung, auf der Grundprinzipien politischer Gemeinwesen formuliert wurden: Freiheit, Gerechtigkeit, Wahl, Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Als Grundlage ihrer Forderungen beanspruchten die Bauern nichts anderes als „das Evangelium zu hören und dem gemäß zu leben“.

Kloster Heilig-Geist-Ordens Memmingen

Die Wirkung der „Zwölf Artikel“ war enorm. In nur zwei Monaten erschienen 25 Drucke in nahezu allen namhaften Orten des Reiches. Die Forderungen aus der Kramerzunft in Memmingen wurden in den anderen Aufstandsgebieten übernommen und um regionale Beschwerden erweitert. Die „Revolution des gemeinen Mannes“ ging verloren. Der Bauernkrieg im Frühsommer 1525 brachte über 100.000 Menschen den Tod. Doch die „Zwölf Artikel“ und die Bundesordnung weisen weit über ihre Zeit hinaus und gelten als frühe Monumente der deutschen Freiheits- und Verfassungsgeschichte.

Seit dem Jahr 2005 wird in Erinnerung an das Bauernkriegsjahr 1525 alle 4 Jahre der „Memminger Freiheitspreis 1525“ für Verdienste um Freiheit, Recht und Gerechtigkeit verliehen. Preisträger waren bisher Dr. Gyula Horn und Reiner Kunze und Malala Yousafzai. 2016 wurde die Auszeichnung an Dr. Erwin Kräutler verliehen. Wir haben den Einzug Wallensteins zu den historischen Wallensteinspielen Memmingens erlebt.

Augsburg – wichtigste Stadt zur Reformation

Augsburg war viermal die bedeutendste Stadt für die Reformation in Deutschland.1518, als Luther beim Reichstag beim Verhör des Kurienkardinal Cajetan den Widerruf seiner Thesen verweigerte. 1530, als die Confessio Augustana von Philipp Melanchthon vor Kaiser Karl V. verlesen wurde. 1555 als der Augsburger Religionsfrieden das Prinzip des „Cuius regio, eius religio“ einleitete und 1999, als die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet wurde.

Am ehemaligen Reichstag von Augsburg nimmt uns „Luther“ in Empfang und geht mit uns in den Innenhof.

Hier hatte er uns in einem Puppenspieler mit nach Augsburg in das Jahr 1518 genommen und die Geschichte, als Luther beim Verhör des Kurienkardinal Cajetan den Widerruf seiner Thesen verweigerte, vorgespielt.

St. Anna Kirche Augsburg

Großen Einfluss übten, wohl auch durch die räumliche Nähe, neben den Geschehnissen in Augsburg auch die Schweizer Calvin und Zwingli aus. Aus der Reformation heraus taten sich die Bauern zusammen, es kam zur ersten schriftlichen Erklärung von Menschenrechten, niedergeschrieben in den 12 Bauernartikeln 1525 in Memmingen.

Zu unserem Besuch gehörte auch die Klosteranlage St. Anna, wo Luther während seines Prozesses genächtigt hatte. Doch zu Augsburg später mehr.

Fotos Gabriele Wilms

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Über den Autor

Gabriele Wilms

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Tätigkeit des Reisejournalistin und Bloggerin. Ich betreue Toureal als verantwortliche Chefredakteurin. Gut ein Drittel des Jahres bin ich daher für unser Reisemagazin unterwegs in den schönsten Hotels Europas.

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