Auf den Spuren der Maloja Schlange in Sils Maria

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Die mystische Landschaft von Sils-Maria zieht seit 150 Jahren Künstler und Kulturinteressierte an. Ein Grund mehr das Oberengadin zu erkunden und in die Fußstapfen von Juliette Binoche, Marc Chagall, Thomas Mann und Friedrich Nietzsche zu treten.

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„Ist das der Maloja Pass da drüben?“ „Die Schlange?“ „Ja, die Schlange. Es ist zweideutig. Es ist eine Wolkenformation. Sie kommt nur selten vor und ist teilweise unerklärlich!“ Auf der Suche nach eben dieser seltsamen Wolkenschlange sind auch wir ins Engadin, nach Sils Maria gekommen. Doch so unerklärlich ist das Wetterphänomen nicht, das in dem Kinofilm „Die Wolken von Sils Maria“ in vielen Dialogen und Szenen der Schauspielerinnen Juliette Binoche und Kristen Steward thematisiert wird. Joachim Jung vom Kulturbüro Kubus erklärt es so:“ Die sogenannte Maloja Schlange ist eine Wolkenformation, die sich bildet, wenn die Erwärmung der Luft aus dem Bergell durch den Wind, der durch die Erwärmung entsteht ins Engadin hochgetrieben wird. Die von der Feuchtigkeit satte Luft kondensiert schließlich aus und es bilden sich Wolken auf einer ganz bestimmten Höhe. Da sieht man dann genau wo der Kondensationspunkt liegt, denn dort entsteht so eine Art Schlangenwolke, die sich dann von Maloja über Sils Maria bis St. Moritz an der Bergseite entlang schlängelt. Das sieht sehr eindrucksvoll aus und ist nicht immer gern gesehen, da es meist schlechtes Wetter bedeutet.“

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Müssen wir nun auf schlechtes Wetter im Urlaub hoffen um die mysteriöse Wolkenschlange zu sehen? Kaum vorstellbar dass diese Bilderbuchlandschaft sich in wenigen Minuten in eine unheilvolle Gegend verwandeln kann. Eine Landschaft, die nicht nur Filmregisseur Olivier Assayas in seiner „Ambiguity“, seiner Doppeldeutigkeit beeindruckte. Das Landstück zwischen dem Silser- und Silvaplanersee und den schroffen Gipfeln der Bernina-Gruppe. Es ist das offene der grünen Landschaft mit dem türkisblauen See, der auf 1800 Metern Höhe liegt und dessen Ende am Malojapass ins Leere zu stürzen scheint. Mit Europas höchstgelegener Kursschifflinie, der „Segl Maria“ durchpflügen wir den Silser See bis ans andere Ende, dort wo der Ursprung der Schlangenwolke sein soll. Doch der Himmel ist blau in blau, wäre die Malojaschlange im Anmarsch würde sich ein weiteres typisches Wetterphänomen des Engadins einstellen: der Malojawind. Zur Freue aller Surfer und Kiter. Bewundern kann man ihre waghalsigen Manöver vor allem auf dem Silvaplaner See.

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Der Silser See ist ruhiger, kaum jemand wagt sich in das kühle Wasser – außer uns und Juliette Binoche. Nach dem Ausstieg aus dem Schiff umrunden wir den See, bis wir gegenüber der Schiffstation, dort wo die Tannen fast bis aus dem Wasser wachsen und ein weiches Moosbett einen kleinen Mini-Strand geschaffen hat, den idealen Einstieg ins Wasser finden: Es ist der gleich Platz, wo auch Juliette Binoche und Kirsten Steward sich im Film in das türkisblaue Nass des Bergsees stürzen. Der Spaziergang zurück zu unserem Hotel Edelweiss, das 1875 von dem italienischen Baumeister Giovanni Sottovia in klassizistischer Bauweise errichtet wurde und noch heute in seinem denkmalgeschützten Jugendstil-Speisesaal von den prunkvollen Zeiten ahnen lässt, erinnert an die Sommerfrische der Jahrhundertwende, als Hermann Hesse, Thomas Mann, Karl Kraus, Marcel Proust, Rainer Maria Rilke und sogar Albert Einstein hier übernachteten.

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Es ist ein Gang vorbei an Filmkulissen und bekannten Motiven von Malern wie zum Beispiel Marc Chagall.1961 malte er den Ausblick aus seinem Hotelfenster im „Hotel Privata“. Hier entstanden die berühmten Bilder „Das Fenster von Sils Maria“ und „Die Flucht nach Sils Maria“. Sils wurde vor allem durch seinen ersten berühmten Gast Friedrich Nietzsche bei der damaligen High Society und in Intellektuellenkreisen bekannt. 1879 kam er erstmals ins Engadin und schrieb hier an seinem Werk „Also sprach Zarathustra“. Die vielen Spaziergänge in einer Landschaft, die ihn an Finnland und Italien gleichermaßen erinnerten, inspirierten ihn zu Sätzen wie:“ Ich habe gehen gelernt, seitdem lasse ich mich laufen.“

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Direkt neben dem Hotel Edelweiss, dem ältesten Hotel der Stadt, ist ihm ein Museum, in dem Haus gewidmet, indem er in Sils gelebt hat. Jeder Schritt gleicht einer Zeitreise zurück zur letzten Jahrhundertwende, die wir uns bei einer Dorfführung von Joachim Jung erklären lassen. Unzählige Geschichten hat er auf Lager über das Treiben im ehemaligen Café Schulze, einem Ableger des berühmten St. Moritzer Cafés Hanselmann, wo sich in Sils Alles was Rang und Namen in der Kulturgeschichte Europas hatte, zum Nachmittagstee traf oder über das Restaurant Alpenrose, wo die Damenkränzchen von intellektuelle Damen wie Lou von Salomé stattfanden. Der beschauliche Ort am Eingang zum Fextal ist ruhiger und persönlicher als das zehn Kilometer entfernte, mondäne St. Moritz. Es ist „Ruhe, Größe, Sonnenlicht“ wie Nietzsche es ausdrückte, das diesen kleinen Ort ausmacht. Eine Landschaft, die Maler, Denker, Philosophen und Naturwissenschaftler in ihrem Wirken inspirierte. Einen besonderen Eindruck von der Idee der „Langsamkeit mit Bewusstsein“ erleben wir auf einer Pferdekutschenfahrt nach Fex Crasta. Ein Kleinod im Val Fex über dem Silser See mit einer kleinen, romanischen Bergkirche mit künstlerisch bemerkenswerten Wandgemälden und einer netten Einkehr, wo es original Bündnernachtessen gibt.

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Während wir noch die Aussicht genießen, schweben Wolken wie eine träge Schlange vom Maloja Pass über den See durchs Tal und wir fühlen uns in eine andere Welt versetzt, in Nietzsches „Land der silbernen Farbtöne.“

Fotos Hotel

Über den Autor

Sonja Vodicka

Die Stärken der Journalistin Sonja Vodicka sind ihre Internationalität, ihre kosmopolite Berufserfahrung und ihre Sprachkenntnisse (französisch, tschechisch, englisch, italienisch). Nach dem Studium an den Universitäten Bordeaux und LMU München absolvierte sie ein Volontariat bei der Deutschen Journalistenschule. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie als Redakteurin und Autorin von Magazinen und Tageszeitungen zu den Themen Reise, Mode, Lifestyle, Familie und Gesellschaft. Seit 20 Jahren ist sie als Autorin und Regisseurin beim Fernsehen tätig, vor allen zu internationalen Forschungs- und Bildungsthemen. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit ihrer Familie oder man trifft sie in den Bergen beim Skifahren, Wandern oder Reiten.

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