Einfach mal den Kopf mit Anti-Gravity-Yoga baumeln lassen

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Immerhin tun sie etwas, sie machen Bewegung und achten auf ihre Gesundheit. Auch wenn der Anblick von der Decke baumelnder Menschen für manch einen befremdlich sein mag.

Anti-Gravity-Yoga

Die Teilnehmer des Anti-Gravity-Yoga – die sich von dem lästigen Manko der Schwerkraft mit einem Stück Stoff und zwei Seilen befreien wollen – tun das, was viele Menschen spätestens seit der Aerobic-Welle der 1980er-Jahre tun, Sie versuchen ein neues Fitnessprogramm. Und sie hoffen damit, den Ansprüchen einer fitten, gesundheitsbewussten Gesellschaft gerecht zu werden. Mehr dazu

Und diesen Versuch kann man in Zeiten der Individualisierung auf viele verschiedene Arten unternehmen. Zu den Klassikern Bauch, Bein, Po, Pilates, Yoga und Tae Bo kommen immer wieder neue Sportarten und Fitnessprogramme hinzu. So unterschiedlich die neuesten Trends – von Antara über Drums Alive bis Pilardio – alle sein mögen, sie haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Das Auffälligste ist das kleine, hochgestellte R, das sie am Ende ihres Namens tragen und das darauf hinweisen soll, dass es sich bei diesem Programm nicht um irgendetwas handelt, sondern um eine eingetragene Marke. Gerne wird dann auf Website und Co. darüber informiert, dass das Fitnessprogramm XY nach all den anderen erfolglosen Vorgängern endlich alles richtig macht und die Teilnehmer in kurzer Zeit schlank, gesund, fit und vor allem glücklich und attraktiv sein werden. Die Person, die das Programm erfunden hat, ist meist – ach, wie witzig – durch Zufall auf die Idee gekommen. Und weil man ja seriös sein will, wurden dafür die neuesten Ergebnisse der Universität XY herangezogen.

Instruktor in zwei Tagen. Blöd nur, dass diese sich selten auf das Programm selbst, also auf die Auswirkungen, die die Übungen auf die Teilnehmer haben können, beziehen, sondern auf die Ausgangsbasis, mit der dieses entwickelt wurde. Genau das macht Sportwissenschaftler Pierre Gider von der Universität Wien skeptisch. „Teilweise überrascht es mich, was es schon alles gibt. Es ist ja gut, wenn sich die Menschen bewegen, aber was mir bei all diesen Trends ein bisschen fehlt, ist eine ausreichende Ausbildung der sogenannten Trainer“, sagt Gider. Tatsächlich reicht bei den meisten neuen Programmen ein Kurs, der ein oder zwei Wochenenden lang dauert, und schon kann man als Instruktor sein Wissen weitergeben und Kurse abhalten.

Die Mitte finden. Gegen den Vorwurf der mangelnden Ausbildung wehrt sich etwa Suzanna König, Ausbildungsleiterin in Österreich für das recht junge Programm Antara. „Die Ausbildung zum Antara-Instruktor dauert zwar nur sieben Tage. Man braucht aber ein Basiswissen, muss also Fitnesstrainer, Physiotherapeut oder Masseur sein. Ich verlange ein Zertifikat, erlaube mir aber zu entscheiden, wen ich nehme“, sagt König, die das Schweizer Programm 2008 nach Österreich brachte. Sie ist davon überzeugt, dass sich Antara durchsetzen wird. Derzeit wird es in etwa einem Dutzend Studios angeboten. „Pilates hat ja auch 50 Jahre gebraucht.“ Und ganz unähnlich ist Antara dem etablierten Ganzkörpertraining auch nicht. Bei Antara soll durch die Beanspruchung der tiefliegenden Muskulatur eine starke Mitte – sprich ein kräftiger Rücken und flacher Bauch – gefunden werden. Die „lokalen Stabilisatoren“, also jene Muskeln, die unter den äußeren Muskeln liegen, sollen dafür entdeckt und aktiviert werden. Damit das niemand falsch versteht, fehlt auch bei Antara nicht der Hinweis, dass man zwar „modern und meditativ, aber nicht esoterisch“ sei.

Anti-Gravity-Yoga 2

Ebenso wie Anti-Gravity-Yoga, das aus New York stammt und in Österreich derzeit nur in Graz angeboten wird, verspricht, dass sich die Teilnehmerinnen „schwebend schön gesund schwingen“, kennt man auch bei Antara keine Zweifel. „Das ist gnadenlos funktionell und gesund“, sagt König. Auch sie verweist auf einen „wissenschaftlichen Hintergrund der Universität Queensland“.

Zittern im Seil. Die Herren von Sling Training beziehen sich ebenso auf eine australische Forschungsgruppe. Wobei man bei diesem Programm, das von dem deutschen Physiotherapeuten Hans Peter Mayer 1992 entwickelt wurde und 2004 nach Österreich kam, nicht ganz so dick aufträgt. Im Gegensatz zu Antara, Pilardio – eine Mischung aus Pilates und Cardio – und etwa Drums Alive, bei dem wie wild mit Schlagzeugstöcken auf Gymnastikbälle getrommelt wird, verzichtet man bei Sling Training auf einen Fanshop mit CDs, DVDs, Musik und passendem Outfit, das die Kursteilnehmer zu lebenden Werbeträgern macht.

Bei Sling Training werden ebenso die lokalen Stabilisatoren trainiert. Allerdings mithilfe von Seilschlaufen, in die Arme und Beine gehängt werden. „Dabei handelt es sich um ein Senso-Motorik-Training. Man muss die Balance finden, es kommt zu einem Bewegungszittern und dadurch werden die lokalen Stabilisatoren aktiviert“, sagt der geprüfte Leichathletik-Trainer Erwin Reiterer, der auch Sling-Training-Instruktoren ausbildet. Angeboten wird das Programm derzeit vor allem von Personal-Trainern, vorrangig im Leistungssport. „Da darf man aber nicht herumpfuschen. Nach einer Physiotherapie etwa soll man das nur nach ärztlicher Absprache machen“, so Reiterer. Die kann auch bei allen anderen Fitnessprogrammen nicht schaden. Denn auch wenn Bewegung an sich besser ist als nichts zu tun: Ein kritisches Hinterfragen, ob denn das Programm zu einem passt, ist noch besser.

Anti-Gravity-Yoga
Anti-Schwerkraft-Yoga in der Hängematte. 1991 von Christopher Harrison in New York entwickelt.

Antara
Ein Bewegungsprogramm, das die Körpermitte stärken soll. 2006 von Karin Albrecht und Maja Rybka in der Schweiz entwickelt.

Sling Training
Durch Bewegungszittern in Seilschlingen sollen lokale Stabilisatoren aktiviert werden. 1991 von Hans Peter Mayer in Deutschland entwickelt.

Pilardio
Eine Kombination aus Pilates und Cardio. 2010 von Jasmin Waldmann (D) entwickelt.

Drums Alive
Ein Fitness-Trommel-Programm mit Schlagzeugstöcken und Gymnastikbällen. 2003 von Carrie Ekins (D) entwickelt

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Über den Autor

Gabriele Wilms

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Tätigkeit des Reisejournalistin und Bloggerin. Ich betreue Toureal als verantwortliche Chefredakteurin. Gut ein Drittel des Jahres bin ich daher für unser Reisemagazin unterwegs in den schönsten Hotels Europas.

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